WIR WOLLEN UNS ERINNERN

Ein leerer Koffer erinnert an die Deportation der Juden aus Unsleben

„Menschen werden in ihrem Heimatort geächtet und festgenommen. Manche, die Angst haben und sich verstecken wollen, werden von Helfern der Nazi-Schergen in Scheunen gesucht und mit Mistgabeln unter Heu und Stroh herausgeprügelt. Sie werden über Bad Neustadt nach Würzburg verfrachtet und dort wie Vieh zusammengetrieben unter Aufsicht von SS und Gestapo. In langen Menschenketten müssen sie zum Bahnhof Aumühle laufen, dabei immer streng bewacht. Es wird keine Rücksicht auf Kinder, Frauen, Schwangere und Männer gleich welchen Alters genommen. Ihr weniges Hab und Gut, was in ihren Koffern und Taschen eingepackt war, wird zu einem Wall aufgeschichtet.

Bürgermeister Michael Gottwald am Denkort Deportation in Unsleben.

Alleine aus dem kleinen Dorf Unsleben mussten 19 jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger, auch Kinder, diesen barbarischen Weg gehen. Bezieht man all jene in die Rechnung mit ein, die vorab aus verschiedenen Gründen aus dem Dorf verzogen waren und in direktem Zusammenhang mit dem Dorf Unsleben standen, so zählt man annähernd 50 Personen, die zu Tode kamen“, so Bürgermeister Michael Gottwald. Am 17. Juni 1943 verließ der letzte Deportationszug Würzburg, am Gleis blieben Berge von Gepäckstücken zurück. Genau 77 Jahre später am 17. Juni 2020, wurde am Würzburger Hauptbahnhof der „DenkOrt Deportationen 1941 – 1944“ eingeweiht. Mit Koffern, Decken und Gepäckstücken aus Stein, Holz oder Metall wird mit der Gedenkstätte „DenkOrt Deportationen“ an die Juden aus Unterfranken erinnert. Aus 109 unterfränkischen jüdischen Gemeinden traten im Zeitraum zwischen 1941-1944 von Würzburg aus 2.069 Juden die schreckliche Reise an, von der nur wenige wieder lebend zurückkehrten. Die Gepäckstücke verbinden die Heimatkommunen der Menschen mit dem zentralen Gedenkort. Dort steht jeweils der zweite Koffer, als Symbol für die verschwundenen Menschen in den Gemeinden. Bis jetzt sind 47 Gepäckstücke in Würzburg zu finden; darunter vier aus dem Landkreis Rhön-Grabfeld. Es beteiligten sich beispielsweise Kleineibstadt, Mellrichstadt, Willmars und Unsleben. „Dieses ganz hervorragende und wichtige Projekt der künstlerischen Darstellung von Gepäckstücken am Bahnhof in Würzburg und in den jeweiligen Dörfern und Städten unterstützen wir natürlich gerne“, so Michael Gottwald, Bürgermeister der Gemeinde Unsleben. Paul Diestel, der 24-jährige erfolgreiche Bildhauer aus Unsleben, ­kreierte einen transparenten Koffer, der die Leere und Nacktheit der jüdischen Bevölkerung zeigt. Sein Werk inszeniert die verlorene Würde und letztlich die Auslöschung des Lebens.

Ein leerer Koffer erinnert an die Deportation der Juden aus Unsleben

Wenn Sie mehr über das Projekt erfahren wollen, besuchen Sie die Gepäckstücke in den jeweiligen Orten sowie die Gedenkstätte in Würzburg. Ausführliche Informationen über den Verein DenkOrt Deportationen e.V. finden Sie auf der Website unter www.denkort-deportationen.de.

Julia Weber, Fotos: ©Julia Weber

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