Markt, Politik und Ökonomie

Erdgas-Einkauf in der Kampagne 2026

Stresstest der Beschaffung

Ist die Kampagne aufgrund hoher Energiepreise gefährdet?

Erdgas-Einkauf in der Kampagne 2026

Stresstest der Beschaffung

Ist die Kampagne aufgrund hoher Energiepreise gefährdet?

Von Ralf Heckmann, Corporate Director Procurement Südzucker AG

Vor vier Jahren, am 24.02.2022, startete Russland seinen Angriffskrieg auf die Ukraine. Die Gaspreise sind in diesem ersten Kriegsjahr auf ungeahnte Höhen gestiegen. Nach der Zerstörung der Nord-Stream-Pipelines handelte der Spotpreis an den Börsen bei über 300 Euro pro Megawattstunde (MWh). Dieser Abnutzungskampf dauert nun schon seit über vier Jahren an, aber als den preisbeeinflussenden Faktor für die Gaspreisentwicklung kann man den Krieg im Osten Europas nicht mehr bezeichnen.

Krieg im Nahen Osten

Fast auf den Tag genau vier Jahre später starteten die Vereinigten Staaten und Israel ihren Angriff auf den Iran. Israel erweiterte die Kampfhandlungen dann später noch mit Luftschlägen und dem Einsatz von Bodentruppen auf die Hisbollah im Südlibanon. Ob der amerikanische Präsident ein genaues Ziel mit dem am 28.02.2026 gestarteten Krieg hatte, werden Historiker im Nachgang herausfinden müssen. Allerdings kam dieser Angriff für viele politische Verantwortliche weltweit überraschend und vor allem die Auswirkungen stürzen viele Länder in Energiekrisen und damit auch in tiefe Rezessionen.

Auswirkungen auf Öl und Gas

Neben dem Ölmarkt hat auch der Gasmarkt sehr schnell auf die kriegerischen Handlungen im Nahen Osten reagiert. Deutschlands Abhängigkeit von der Region ist gering: Lediglich 7,7 Prozent der Ölimporte stammen aus der Golfregion. Die deutschen Hauptlieferanten sind Norwegen, die USA und Kasachstan. Beim LNG (verflüssigtes Erdgas) erhält die EU lediglich acht Prozent aus Katar. LNG macht ungefähr 46 Prozent der gesamten Gasimporte in die EU aus. Deutschland versorgt sich insgesamt mit zehn Prozent LNG, wovon 92 Prozent aus den USA stammen.

Allerdings beeinflusst der Krieg in der Region die Preise für Öl und Gas weltweit. Durch die massive Abhängigkeit Asiens von Energielieferungen aus dem Nahen Osten sind Länder wie Indien, Pakistan, Südkorea, Japan und Taiwan wirtschaftlich überproportional von dem Konflikt und der bis Mitte Juni anhaltenden Sperrung der Straße von Hormus betroffen. Gut die Hälfte der LNG-Abnehmer im asiatisch-pazifischen Raum benötigt dringend Ersatz für ausgefallene Lieferungen, was zu einer Verschiebung der weltweiten Transportwege für LNG und natürlich auch zu einem Anstieg der Preise führt. Die Gaspreise sind zeitweise auf ein Niveau von knapp 70 Euro pro Megawattstunde geklettert und die Ölpreise haben die 100-Dollar-Marke mehrfach überschritten.

Entsprechend der Maßnahmen, die Europa 2022 nach dem Beginn des Krieges in der Ukraine einführte, gibt es in vielen asiatischen Ländern Initiativen zum Einsparen von Energie (Reduzierung des Stromverbrauchs durch das Abschalten von Klimaanlagen, Drosselung von Fabrikproduktion etc.). Die Zerstörung diverser Energieinfrastruktur in Katar, Bahrain, Saudi-Arabien und den Emiraten sowie die Blockade der Straße von Hormus stellen einen erheblichen Schock für die gesamten Lieferketten weltweit dar.

Hohe Marktvolatilität

Insgesamt lässt sich feststellen, dass die Volatilität an den Märkten in den letzten vier Jahren dramatisch zugenommen hat (Abbildung 1). Seit 2022 ist Deutschland zwar nahezu unabhängig vom russischen Gas und hat auch vier eigene LNG-Terminals, dennoch reagieren die Preise sehr sensibel auf sämtliche exogenen Einflüsse.

Betrachtet man die Gaspreisentwicklung der letzten fünf Jahre, lassen sich die Peaks auf der roten Linie in Abbildung 1 in der Regel immer mit einem militärischen Konflikt, einer Aussage beziehungsweise angekündigten politischen Maßnahmen (unter anderem vom US-Präsidenten Donald Trump) oder der Speichersituation in Kombination mit der Wetterlage in Verbindung bringen. Beispielsweise war der Winter 2024/25 kälter als in den Jahren davor, was zu einer starken Reduktion der Gasspeicherstände im Februar/März 2025 führte. Das ergab in Kombination mit der entsprechenden Kommunikation einen kurzfristigen Preisanstieg auf fast 60 Euro/MWh. Im Juni 2025 gab es dann den ersten Angriff der Amerikaner und Israelis auf den Iran (12-Tage-Krieg). Die Gaspreise stiegen auf knapp 45 Euro/MWh. Da in den Sommermonaten die Gaspreise weniger volatil reagieren, fallen die Ausschläge in dieser Jahreszeit nicht so dramatisch aus. In den Wintermonaten kann so ein Konflikt in Kombination mit der Wetterlage und Speichersituation wesentlich gravierendere Auswirkungen zeigen.

Im Januar/Februar 2026 wurden die Speicherstände ebenfalls wieder knapp, was bereits vor dem Kriegsbeginn Ende Februar für Preisniveaus von um die 40 Euro/MWh sorgte. Grundsätzlich sollte man bei der Gaspreisentwicklung immer ein Auge auf die Speicherstände, das Wetter und das geopolitische Umfeld haben.

Die Gasspeicher sind seit dem Wegfall der russischen Gasversorgung über Pipelines zu einem wichtigen Rückgrat der Versorgung geworden. Die Füllmenge der EU-Speicher liegt derzeit bei 47 Prozent (Stand 22.06.2026); in Deutschland bei 39 Prozent. Damit bewegen sich die Speicherstände unter dem letztjährigen Niveau und auch unter dem Fünfjahresschnitt. In der Regel beginnt im April die Befüllung der Speicher. Dies ist in diesem Frühjahr allerdings durch den fehlenden Winter-Sommer-Spread erschwert – üblicherweise ist das Gas im Frühjahr günstiger als in der Wintersaison und die Speicherbetreiber haben ein Interesse daran, ihre Speicher früh zu befüllen und das Gas zu höheren Preisen im Winter wieder zu verkaufen. Hält die angespannte Situation weiter an, könnte dies die Marktlage erschweren und die Debatten über Füllstandsreserven und staatliche Gasreserven wieder verstärken.

Die Gasspeicher müssen in der Winterperiode fehlende Pipeline- und LNG-Mengen ausgleichen und sollten genau in solchen Zeiten Bedarfsspitzen abfedern sowie für Planungssicherheit sorgen. Es werden deshalb sehr genau die Einspeicherungsraten für Gas in Deutschland und Europa beobachtet, denn dadurch wird die Versorgungssicherheit für den Winter gewährleistet (Abbildung 2).

Nach dem Ausrufen der Waffenruhe am 08.04.2026 haben sich die Energiemärkte wieder etwas entspannt, aber weltweit warten Regierungen nun mit Spannung auf den nächsten Schritt.

Energieversorgung Südzucker

Wenn man die langfristige Preisentwicklung bei Gas betrachtet, dann erscheint der aktuelle Ausschlag „sehr überschaubar“. Nach einem kurzzeitigen Preispeak zu Beginn der Kampfhandlungen, haben sich die Gaspreise jetzt wieder bei zirka 45 Euro/MWh eingependelt. Dieses Preisniveau liegt aber über dem Level vor dem Iran-Krieg und es ist derzeit leider noch nicht absehbar, wann wieder die Vorkriegs-Preisniveaus erreicht werden.

Mit den bereits abgesicherten Gasmengen geht Südzucker zwar einigermaßen beruhigt in die Kampagne 2026/27, allerdings müssen offene Spotmengen zu höheren Preisen gekauft werden. Neben den Auswirkungen des Nahost-Konflikts kann sich im Laufe des Jahres die Entwicklung der Speichersituation ebenfalls negativ auf die Preise auswirken. Was auch Sorgen bereitet, ist die Tatsache, dass sich die gestiegenen Energiekosten auf viele andere Industrien in den Lieferketten auswirken. Nahezu bei allen Produkten, die für die Kampagne benötigt werden, gibt es vonseiten der Lieferanten Preissteigerungen aufgrund höherer Transport-, Produktions- und Herstellungskosten. Teilweise spricht man bei verschiedenen Chemikalien auch von bevorstehenden Engpässen, was nun durch die Öffnung der Straße von Hormus hoffentlich wieder vom Tisch ist. 25 Prozent der globalen Schwefelproduktion stammen vom Persischen Golf. Schwefel fällt bei der Raffination von Erdöl und der Aufbereitung von Erdgas an. Auch Europa könnte von einer Verknappung des weltweiten Schwefelsäureangebots betroffen sein, wenn ein Großteil der aus dem Nahen Osten nach Zentralafrika exportierten Mengen wegfällt. Rund 90 Prozent der afrikanischen Schwefelimporte stammen aus dem Nahen Osten. In Zentralafrika werden daraus zirka sechs Millionen Tonnen Schwefelsäure hergestellt.


Ralf Heckmann Corporate Director Procurement Südzucker AG


FAZIT

Für den Beschaffungsbereich der Südzucker heißt das, alle Märkte sehr genau zu beobachten, mögliche Opportunitäten zügig zu erkennen und zum Wohle des Unternehmens umzusetzen. Als zentrales Element der Beschaffungsstrategie für alle Einkaufsgebiete haben sich hier die langjährigen, partnerschaftlichen Beziehungen zu den Lieferanten bezahlt gemacht. Bereits zu Beginn des Ukraine-Kriegs und auch während Corona konnte man sich auf die strategischen Partner verlassen und damit die Versorgungssicherheit für das Unternehmen in allen Bereichen sicherstellen. Mit diesem Anspruch wird auch in die anstehende Kampagne 2026/27 gestartet.

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