Markt, Politik und Ökonomie

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Ethanol: Neue Chancen für Landwirtschaft, Klima und Industrie

Bioökonomie im Wandel

Vom Kraftstoff zum strategischen Rohstoff

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Ethanol: Neue Chancen für Landwirtschaft, Klima und Industrie

Bioökonomie im Wandel

Vom Kraftstoff zum strategischen Rohstoff

Von Dr. Georg von Graevenitz, CEO, CropEnergies AG

Der Ethanolmarkt zeigt, wie eng der Markt für strategisch wichtige, sogenannte sensible Produkte mit der Politik verflochten ist. Mit einer guten Abstimmung zwischen Agrar- und Industriepolitik können sich neue Möglichkeiten durch eine breitere Nutzung von heimisch produziertem Ethanol eröffnen.

Zwischen Preisdruck und Handelsabkommen

Das vergangene Geschäftsjahr war für den europäischen Ethanolmarkt von deutlicher Volatilität geprägt. Lange Zeit bewegten sich die Preise auf einem vergleichsweise niedrigen Niveau, bevor Anfang 2026 ein spürbarer Preisanstieg einsetzte. Der Preisdruck kam insbesondere durch die hohen Importmengen, aber auch die US-Zollpolitik: Im Handelsabkommen mit dem Vereinigten Königreich wurde ein zollfreies Kontingent von 1,4 Millionen Kubikmetern Ethanol festgelegt, was in etwa dem britischen Markt für Kraftstoffethanol entspricht. Dies führte zur endgültigen Schließung der Ethanolanlage von Vivergo (ABF), während die Crop Energies-Tochter Ensus UK Ltd. mit Unterstützung der britischen Regierung seit April 2026 wieder produziert. Auch mit dem EU-Mercosur-Handelsabkommen – seit 1. Mai 2026 ist ein vorläufiges Abkommen in Kraft – werden weitere Mengen Ethanol zollfrei oder zollreduziert in den EU-Markt kommen und diesen belasten.

Neue Rahmenbedingungen, neue Chancen

Die „Erneuerbare-Energien-Richtlinie“ (RED III) sollte bis Mai 2025 in nationales Recht umgesetzt sein. Fast alle Staaten haben diese Frist nicht eingehalten und die Verzögerungen wirkten sich negativ auf den europäischen Ethanolpreis aus.

Langfristig sollten die neuen Regelungen jedoch Chancen für die Ethanolindustrie bieten: Viele Länder, zum Beispiel die Niederlande, werden von Energiequoten zu Treibhausgas-Einsparungsquoten wechseln. Bewertet wird dann nicht mehr die Energiemenge eines Kraftstoffs, sondern die tatsächlichen CO2-Einsparungen. Auch Deutschland hat eine deutlich höhere THG-Quote festgelegt, die auf 65 Prozent im Jahr 2040 ansteigen soll. Die Obergrenze für Biokraftstoffe aus Ackerpflanzen wurde ebenfalls gelockert: Statt bisher 4,4 Prozent soll sie bis 2033 auf 5,8 Prozent ansteigen – ein wichtiger und lang geforderter Schritt, durch den bestehende Produktionen weiterhin zum Klimaschutz beitragen können. Auch die lang kritisierten Doppelanrechnungen entfallen: für Biokraftstoffe aus Rest- und Abfallstoffen unmittelbar, für synthetische Kraftstoffe und erneuerbaren Strom schrittweise in den 2030er-Jahren. Damit ist Schluss mit fiktivem Klimaschutz auf dem Papier und mehr Platz für echte THG-Einsparungen.

Gleichzeitig wendete sich der politische Fokus mit den geopolitischen Entwicklungen im vergangenen Jahr und vor allem in den letzten Monaten wieder einem anderen wichtigen Aspekt zu: der krisensichereren, regionalen Versorgung mit Ethanol (vor allem als Benzin-Ersatz) und anderen Agrarprodukten.

Geht E20 an den Start?

Endlich scheint auch Deutschland bereit, die E5-Vorhaltepflicht abzuschaffen, also die Pflicht, an jeder Tankstelle Super E5 anbieten zu müssen. Das ist nicht notwendig, da fast alle Benziner inzwischen für E10 freigegeben sind, wie eine jüngste Auswertung des Karlsruher Instituts für Technologie bestätigt. Demnach sind nur zirka ein Prozent der Benziner in Deutschland nicht mit E10 kompatibel.

Am freiwerdenden E5-Zapfhahn könnte dann Super E20 (Benzin mit 20 Prozent Ethanol) Einzug halten. Während die Bundesregierung noch berät, wird auf EU-Ebene die Einführung von E20 bereits geprüft. Schätzungsweise könnte bereits die Hälfte der zugelassenen Benziner für E20 freigegeben werden. Außerdem entfallen auf E20, mit immerhin 15 Prozent CO2-Einsparungen im Vergleich zum fossilen Benzin, weniger CO2-Abgaben. Das freut Geldbeutel und Klima zugleich. Auch hinsichtlich 2040 hat sich die EU erneut ein ambitioniertes Klimaziel gesetzt: 90 Prozent Emissionsreduktion (im Vergleich zu 1990). E20 könnte hier einen entscheidenden Beitrag leisten!

Landwirtschaft liefert erneuerbare Kohlenstoffe

Neben dem Verkehrssektor gibt es viele Industrien, die nachhaltiger gestaltet werden müssen. Auf EU-Ebene wird die Bioökonomie durch Initiativen wie den Clean Industrial Deal vorangetrieben. Das Ziel: industrielle Wertschöpfungsketten mit erneuerbaren statt fossilen Kohlenstoffen. Kohlenstoff ist ein unverzichtbarer Rohstoff, insbesondere für die chemische Industrie. Hier eröffnet sich für die Landwirtschaft die Chance, sich als strategischer Rohstofflieferant zu positionieren – für Energie, biobasierte Chemikalien und andere Materialien. Doch das Beispiel Ethanol zeigt, dass Märkte stabile und verlässliche politische Rahmenbedingungen benötigen. Landwirtschaftliche Verbände, Industrie und Politik müssen hier an einem Strang ziehen, um faire Wettbewerbsbedingungen zu schaffen, Investitionen zu sichern und die Bioökonomie in Europa nachhaltig aufzubauen. Nur im Zusammenspiel aller Akteure kann die Versorgungssicherheit gestärkt und der Übergang zu einer klimaneutralen Wirtschaft erfolgreich gestaltet werden!


Dr. Georg von Graevenitz CEO, CropEnergies AG


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