Unternehmen

Der Blick in die bewegte Vergangenheit und die Hoffnung auf eine grandiose Zukunft bestimmten das Bühnenstück auf der 100-Jahr-Feier der Südzucker AG am 19. März 2026 im Mannheimer Rosengarten. FOTOS (2): dzz, KI

Zwei Fusionen und ein Weltkrieg

100 Jahre Südzucker

Von fünf regionalen Zuckerfabriksgesellschaften zum größten Zuckerkonzern Europas

Der Blick in die bewegte Vergangenheit und die Hoffnung auf eine grandiose Zukunft bestimmten das Bühnenstück auf der 100-Jahr-Feier der Südzucker AG am 19. März 2026 im Mannheimer Rosengarten. FOTOS (2): dzz, KI

Zwei Fusionen und ein Weltkrieg

100 Jahre Südzucker

Von fünf regionalen Zuckerfabriksgesellschaften zum größten Zuckerkonzern Europas

Von Dr. Fred Zeller, dzz

Die Südzucker AG, wie wir sie heute kennen, ist das Produkt einer an außergewöhnlichen Ereignissen reichen Geschichte. Sie erstreckt sich, nimmt man die Vorläufer-Unternehmen des Konzerns hinzu, zurück bis ins Jahr 1837, als die Zuckerfabriken in Waghäusel und Züttlingen errichtet wurden. Allgemein wird aber die Verschmelzung von fünf Zuckerfabriksgesellschaften zur Süddeutschen Zucker Aktiengesellschaft im Jahr 1926 als Geburtsstunde des heutigen Konzerns gesehen.

Am 24. April 1926 fand eine außerordentliche Aktionärsversammlung der Zuckerfabrik Frankenthal AG statt, die die treibende Kraft der Fusion war und die als aufnehmende Gesellschaft für die anderen Unternehmen fungierte. Fusionspartner waren:

  • Zuckerfabrik Frankenthal AG (mit den Werken in Frankenthal, Friedensau, Gernsheim, Regensburg und dem Trocknungswerk Ochsenfurt)
  • Badische Gesellschaft für Zuckerfabrikation (mit den Werken Waghäusel und Züttlingen)
  • Zuckerfabrik Stuttgart AG
  • Zuckerfabrik Heilbronn AG
  • Zuckerfabrik Offstein AG (mit Werken in Offstein und Groß-Gerau)

In dieser Aktionärsversammlung wurde schließlich der Name der Zuckerfabrik Frankenthal AG in Süddeutsche Zucker AG geändert.

Die Fusion erfolgte nicht aus heiterem Himmel, sondern war das Ergebnis eines mehrjährigen Prozesses. Ein erster Schritt in Richtung eines Zusammengehens wurde mit der Bildung der „Interessengemeinschaft Süddeutscher Zuckerfabriken“ (IG) zu Jahresbeginn 1920 durch Frankenthal und Waghäusel getan. Der IG schlossen sich nach und nach die anderen späteren Fusionspartner an.

Die Kooperation war aus der Not heraus geboren:

  • Der Verlust deutscher Ostgebiete nach dem Ersten Weltkrieg führte insbesondere in Frankenthal zu einem eklatanten Mangel an Rohstoff, weil diese Zuckerfabrik zuvor vor allem Raffination betrieben hatte. Der Rohzucker dafür war größtenteils über die Ostsee und den Rhein gekommen.
  • Die galoppierende Inflation nach dem Ende des Ersten Weltkriegs 1918 hatte die ökonomische Basis der beteiligten Zuckerfabriken stark geschwächt.
  • Es bestand die Aussicht auf signifikante wirtschaftliche Vorteile im gemeinsamen Einkauf, Verkauf und in der Verwaltung und Finanzierung. Beispielgebend dafür waren die Zusammenschlüsse in der Chemieindustrie und in der Schwerindustrie ab 1916, die später zur IG Farben und zu den Vereinigten Stahlwerken führten.
  • Die größten Vorteile versprach man sich aber von einem gemeinsamen Rübeneinkauf. Die Vereinheitlichung der Vertragskonditionen sollte den wirtschaftlichen Druck mindern, der zugenommen hatte, nachdem sich die sieben Verbände der Zuckerrübenanbauer in Süddeutschland am 8. August 1920 zum „Verband Süddeutscher Zuckerrübenpflanzer“ zusammengeschlossen hatten.

Die Vorteile, die für die Interessengemeinschaft gesprochen hatten, galten auch 1926 fort und konnten durch die Fusion noch besser genutzt werden.


Dr. Fred Zeller dzz


Das „Syndikat“ und die Ära Montesi

Doch die junge AG entwickelte sich schnell zu einem Spielball von Investoren und Banken, weil die Familieneigentümer, die die Vorläuferunternehmen weitgehend beherrscht hatten, schrittweise ihre Aktienpakete verkauften. 1929 bildete sich das sogenannte „Syndikat Süddeutsche Zucker-Aktien“, ein Konsortium aus der italienischen Montesi-Gruppe, der württembergischen Familie Flegenheimer und der Deutsche Bank AG. Ilario Montesi, ein sehr erfolgreicher venezianischer Unternehmer der Zuckerbranche, wurde zum wichtigsten privaten Einzelaktionär der Süddeutschen Zucker AG. Er war kein passiver Investor, sondern ein technologiebegeisterter Visionär, der die AG als Kraftzentrum der Branche in Mitteleuropa sah. Sein Kapital ermöglichte Mitte der 1930er-Jahre den strategischen Vorstoß des Konzerns nach Osten mit dem Erwerb der Schlesischen Aktiengesellschaft für Zuckerfabrikation (Salez) in Breslau. Durch ein komplexes Tauschgeschäft mit Montesis Finanzholding SFIV stieg die Zahl der Fabriken der Süddeutschen Zucker AG sprunghaft an und sie wurde zu einem der dominierenden Akteure des europäischen Sektors von der französischen Grenze bis tief hinein nach Osteuropa.

Dunkle Jahre: Arisierung und Kriegswirtschaft

Mit dem Aufstieg des Nationalsozialismus geriet das Unternehmen ab 1933 jedoch in den Sog dieser Ideologie.

Albert Flegenheimer, die dominante operative Persönlichkeit im Vorstand der Süddeutschen Zucker AG und der Vertraute Montesis, wurde aufgrund seiner jüdischen Herkunft systematisch aus dem Vorstand gedrängt. Er konnte 1937 gerade noch über Italien und Kanada in die USA fliehen. Der Aktienbesitz der Flegenheimers und Montesis musste unter dem politischen Druck abgegeben werden.

Während des Zweiten Weltkriegs wurde Zucker als strategisches Gut eingestuft. In der „Erzeugungsschlacht“, wie das nationalsozialistische Projekt zur Steigerung der Nahrungsmittelproduktion genannt wurde, verlor auch die Süddeutsche Zucker AG ihre unternehmerische Freiheit an den Reichsnährstand, der Preise und Quoten diktierte. In diesem dunklen Kapitel der Unternehmensgeschichte finden sich Hinweise, dass ab der Kampagne 1939/40 in allen Fabriken der Süddeutschen Zucker AG Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene eingesetzt wurden.

Der totale Zusammenbruch und das „Bäuerliche Wunder“

Zum Ende des Zweiten Weltkriegs im Mai 1945 stand der Konzern am Rand des Ruins. Durch die Enteignungen in den Ostgebieten hatte das Unternehmen über Nacht einen Großteil seiner Produktionskapazitäten verloren. Was blieb, waren bauliche und bilanzielle Ruinen in Westdeutschland. Von 1946 bis 1949 stand die Süddeutsche Zucker AG unter der Vermögenskontrolle der US-Militärregierung.

In dieser existenziellen Krise kam es 1950 zu einem genialen Schachzug, der die Zukunft des Unternehmens bis heute bestimmt: Die Gründung der Süddeutschen Zuckerrübenverwertungs-Genossenschaft (SZVG). Rübenanbauer aus allen süddeutschen Anbaugebieten finanzierten über diese Genossenschaft unter der Leitung der großen Anführer Dr. Hege und Dr. Holik zuerst den Neubau der Zuckerfabrik Ochsenfurt GmbH ab 1951. Danach kauften sie ab 1956 in einem beispiellosen Kraftakt Aktienpakete der Süddeutschen Zucker AG aus den Händen vieler institutioneller Anleger auf. Schon 1982 hatte die SZVG die Hauptversammlungsmehrheit erreicht.

Der Weg zum europäischen Champion

Ab der Mitte der 50er-Jahre begann die wohl beste Zeit der Unternehmensgeschichte. Mit dem Neubau der Zuckerfabriken in Rain am Lech, Plattling und Offenau expandierte die AG dynamisch. Die sprunghaft wachsende Zuckernachfrage in den 60er-Jahren und die Einführung der EU-Zuckermarktordnung 1968 sorgten für sehr auskömmliche Gewinne und eine hohe Ergebnisstabilität. Es begann die Zeit der Diversifikation, in der die freien Finanzmittel aus dem Zuckergeschäft in Beteiligungen an Lebensmittelherstellern investiert wurden. Besonders bekannte Engagements wurden bei Schöller Eiskrem, Eismann Heimservice und später bei Freiberger Tiefkühlpizza eingegangen.

Einen zweiten „Urknall“ erlebte das Unternehmen 1988: Die Fusion der Süddeutschen Zucker AG mit der Zuckerfabrik Franken GmbH zur Südzucker AG Mannheim/Ochsenfurt. Dieser Zusammenschluss bündelte die Kraft zweier hochprofitabler Unternehmen. Ihm waren langwierige Verhandlungen der beiden Gesellschaften und der Hauptaktionärin SZVG mit dem Bundeskartellamt vorausgegangen. Die Fusion schuf die notwendige Größe, um europaweit weiterwachsen sowie nach dem Mauerfall 1989 blitzschnell einen wichtigen Anteil der ostdeutschen Zuckerindustrie übernehmen und modernisieren zu können.

Mit der Beteiligung an der österreichischen Agrana ab 1989, dem Erwerb der Raffinerie Tirlemontoise in Belgien im selben Jahr und Saint Louis Sucre in Frankreich in 2001 wurde Südzucker zum deutlichen Marktführer im Zuckersektor Europas. Es folgte 2005 der Einstieg in die Bioethanolerzeugung und die Gründung der CropEnergies AG. Heute umfasst das Portfolio der Südzucker-Gruppe auch funktionelle Inhaltsstoffe für Lebensmittel, die in der BENEO-Gruppe gebündelt sind, und die Segmente Stärke und Fruchtverarbeitung über die AGRANA. Die Aktivitäten des Konzerns erstrecken sich mittlerweile über alle Kontinente.

2017: Das Ende der Zuckerquote

Der wohl härteste Einschnitt der jüngeren Geschichte war die Abschaffung der EU-Zuckerquote zum 1. Oktober 2017. Mit dem Ende der Quoten- und Mindestpreisregelung brach das staatlich stabilisierte Marktumfeld zusammen. Verschärfter innereuropäischer Wettbewerb und eine zunehmende Exposition gegenüber den volatilen Weltmarktpreisen führten in der Folgezeit zu heftigen Ergebnisschwankungen. Das Segment Zucker schrieb beispielsweise in den Geschäftsjahren 2018/19 bis 2020/21 deftige Verluste, um im Jahr 2023/24 einen Spitzenwert bei der Kapitalrendite von 16,7 Prozent zu erreichen. Seither sind die Zuckerpreise wieder stark gefallen.

Südzucker antwortete auf die Herausforderungen unter anderem mit dem Strategieprojekt „2026 PLUS“. Der Konzern versteht sich heute nicht mehr allein als Zuckerproduzent, sondern als ein Wegbereiter der Bioökonomie. Innovationen wie BeetKraft, ein Verpackungsmaterial aus Zuckerrübenreststoffen, oder die Produktion eines biogenen Lösungsmittels aus Ethanol stehen symbolisch für diesen Wandel.

Eine Jahrhundert-AG

Die Südzucker AG hat in den 100 Jahren ihres Bestehens turbulente Zeiten durchlebt. Sie ist heute weit mehr als ein Zuckerunternehmen. Mit dem Einstieg in neue Geschäftsfelder gehen Chancen und Risiken einher, die im Idealfall zu einer Stabilisierung der Ergebnisse führen. Im Aktionärskreis des Konzerns haben sich tektonische Verschiebungen vollzogen, in denen sich politische Veränderungen und neue ökonomische Realitäten widerspiegeln. Die Entwicklung der Süddeutschen Zucker AG ist das Ergebnis einer erfolgreichen industriellen Evolution von fünf regionalen Zuckerfabriken zu einem globalen Akteur. Die Geschichte der nächsten 100 Jahre hat nun begonnen.

Unternehmensgeschichte:

Zeitzeugen

Von Dr. Fred Zeller  Anlässlich ihres Firmenjubiläums hat die Südzucker AG eine mfangreiche Dokumentation wichtiger Ereignisse der Unternehmens­geschichte auf ihrer Webseite (unter QR-Code) angelegt. Dazu gehören auch Videointerviews mit Zeitzeugen, die bis in die 60er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts zurückreichen.

>> suedzuckergroup/zeitzeugen

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