Personen
Georg Herbig (links) und Richard Lischka von der KWS-Zuchtstation in Seligenstadt. FOTOS (5): Christine Weißenberger, Georg Herbig
Ein Blick hinter die Kulissen der Versuchsarbeit
Präzision statt Zufall
Im Interview mit zwei Versuchstechnikern aus Seligenstadt

Georg Herbig (links) und Richard Lischka von der KWS-Zuchtstation in Seligenstadt. FOTOS (5): Christine Weißenberger, Georg Herbig
Ein Blick hinter die Kulissen der Versuchsarbeit
Präzision statt Zufall
Im Interview mit zwei Versuchstechnikern aus Seligenstadt
Von Christine Weißenberger, Redaktionsleitung der dzz
dzz: Stellen Sie sich bitte kurz vor.
Herbig: Ich heiße Georg Herbig und bin seit 1990 bei der KWS in Seligenstadt. Ich verantworte die Zuckerrüben- und Winterrapsversuche in Niederbayern und Österreich. Mein landwirtschaftlicher Hintergrund: Nach meiner Ausbildung zum Landwirt habe ich die Technikerschule in Triesdorf besucht, außerdem bin ich aktiver Landwirt auf meinem Betrieb mit Zuckerrüben, Mais, Weizen und Raps.
Lischka: Mein Name ist Richard Lischka und ich komme aus einem landwirtschaftlichen Betrieb mit fast 700 Hektar und einem relativ hohen Zuckerrübenanteil in der Fruchtfolge. Ich habe Landwirtschaft studiert und bin seit fünf Jahren als Versuchstechniker bei der KWS. Angefangen hatte ich für den Bereich Seligenstadt und Südwest und seit 2025 verantworte ich auch die Versuche in Niederbayern. Wie sieht euer Jahresablauf aus?
Herbig: Von der Aussaat bis in den Juli ist für uns die intensivste Phase. Fehler, die hier gemacht werden, können nicht wieder gut gemacht werden. Wir Techniker verantworten Planung, Organisation und Qualitätskontrolle. Bis zur Ernte müssen dann die Bestände regelmäßig kontrolliert und bonitiert werden. Unsere modernen Ernteverfahren werden rechtzeitig zur Ernte den jeweiligen Versuchsstandorten zugeordnet. Wir Techniker haben vor allem die Planungsaufgaben. Alles muss organisiert sein: die Flächen beobachtet, das Saatgut vorbereitet, die Aussaat sichergestellt, die Kontrollen durchgeführt – und natürlich müssen wir immer dafür sorgen, dass die Mitarbeitenden motiviert werden.
Lischka: Aktuell (Mitte Mai) stellen wir die Netze für den Zikadenschutz. Das muss zeitnah auf jeden Fall vor dem ersten Einflug der Zikaden geschehen.
Normalerweise besprechen wir täglich, ob wir unseren Plan durch Witterung oder besonders dringliche Anfragen anpassen müssen. Wir Techniker sind auch vor Ort auf dem Feld, sprechen mit den Mitarbeitenden alles durch, haben aber auch viele Meetings und Büroaufgaben. Zusätzlich gibt es auch den Austausch zwischen den Kulturarten, also Raps, Mais und Getreide, die Rücksprache mit den Züchtern sowie die Arbeitseinteilung und -kontrolle.
Welche Versuche führt ihr durch und wie funktionieren diese?
Herbig: Wir führen die Leistungsprüfungen unserer neuesten Sortenkandidaten durch. Ertrag und Zuckergehalt sind sehr wichtige Kriterien. Wir sind besonders in Resistenzprüfungen engagiert: Cercospora, Rhizoctonia, Gürtelschorf, Vergilbungsviren, Insekten und jetzt auch extrem stark bei SBR.
Cercospora ist unser Klassiker. Um gleichmäßig hohen Befall abzusichern, inokulieren wir teilweise sogar unsere Felder. Das heißt, wir bestreuen die Rüben mit den Sporen, damit wirklich jede Parzelle das gleiche Ausgangsniveau hat.
Dann gilt es, diese Inokulation anzuschieben. Wenn es für den Pilz zu trocken ist, können wir mit einer Beregnung nachhelfen. Wenn das Klima kühler gemeldet ist, inokulieren wir einige Tage früher, damit der Pilz länger Zeit hat, sich auszubreiten. Dazu gehören Fingerspitzengefühl und Erfahrung. Die Versuche möchten wir stetig mit dem Ziel verbessern, das erforderliche Krankheitsniveau bestmöglich zu treffen. Die Abstimmung erfolgt dabei mit der ganzen Station, weil Inokulationen auch im Raps oder bei anderen Kulturarten stattfinden. Früher hat es das so nicht gegeben und es wurden nur Parzellen ausgesät und geerntet, um den Ertrag festzustellen. Resistenzen spielen mittlerweile eine viel größere Rolle.
Zudem führen wir viele Bonituren durch, um den Krankheitsverlauf nachvollziehen und die Genotypen herausfinden zu können, die Resistenzen oder Toleranzen ausmachen. Diese kann der Züchter gezielt einkreuzen. Der reine Beobachtungsanbau macht etwa zehn bis 15 Prozent unserer Versuchsfläche aus.

Christine Weißenberger Redaktionsleitung der dzz

Das heißt, zehn bis 15 Prozent der Flächen beobachtet ihr und die restlichen Flächen werden geerntet?
Lischka: Das Inokulieren erfolgt auch bei Leistungsprüfungen oder wenn wir eine Krankheit untersuchen wollen, damit der Versuch möglichst gleichmäßig ist. Ein ungleichmäßiger Befall verzerrt die Versuchsergebnisse – das wollen wir durch die Inokulation vermeiden. Den Beobachtungsanbau nutzen wir vermehrt in Gegenden mit sicherem natürlichen Befall, um den Verlauf zu beobachten und ihn besser einschätzen zu können. Anhand dieser Beobachtungen kann man gezielter entscheiden, welche Genotypen im weiteren Zuchtprozess verwendet werden.
Herbig: Wir führen daneben auch ganz normale Leistungsprüfungen durch, bei denen man auf Ertrag, Zuckergehalt und Inhaltsstoffe testet. Durch den Anstieg der Krankheiten und den Wegfall einiger Pflanzenschutzmittel kommen aber immer mehr Herausforderungen auch im Versuchswesen dazu.
Was könnt ihr bei euren Versuchennicht beeinflussen?
Herbig: In Sachen Klimawandel müssen wir flexibel reagieren. Was machen wir bei Hitze, ist unser Aussaattermin richtig, müssen wir beregnen? Schon der Boden ist entscheidend. Rotlehm und Weißlehm haben komplett unterschiedliche Reaktionen. Ist es kalt, wächst die Rübe auf dem Rotlehm besser als auf dem Weißlehm, da sich der Rotlehm schneller erwärmt. Wenn es nass ist, kann ich auf dem Weißlehm bearbeiten, auf Rotlehm gehe ich unter. Also geht die Aufteilung der Versuche hier im Kleinen weiter. Es ist sehr wichtig, dass man jedes Jahr seine Lehren zieht, weil es immer anders ist. Es ist aber von Vorteil, das kulturübergreifende Hintergrundwissen über viele Jahre hinweg zu sammeln. Wie sah es im Fall von SBR aus? Da musste es schnell gehen?
Herbig: Die Krankheiten werden generell immer mehr und schneller. Deshalb ist für uns auch immer der Austausch mit der Industrie wichtig. Die Züchtung braucht etwa zehn Jahre, um eine Toleranz einzukreuzen, aber so lange können wir nicht warten. Daher ist es wichtig, dass man jetzt jedes Werkzeug einsetzen kann. Erste Erfolge sind schon da: Wir haben die erste Sorte vom Bundessortenamt zugelassen bekommen, die in der Fußnote SBR enthält. Das heißt noch lange nicht, dass es schon DIE Sorte ist, aber es ist ein weiterer Schritt in die richtige Richtung.
Wie viele Sorten testet ihr?
Lischka: Wir rechnen immer in Parzellen. Ein Standort hat ungefähr 4000 Parzellen, worin wiederholte und unwiederholte Versuche stehen – also dieselbe Kreuzung steht entweder nur einmal oder mehrmals auf dem Feld. Wenn ich jetzt grob schätze, dann sind das vielleicht 1000 bis 1500 unterschiedliche Sorten. Die genaue Planung der Sorten und Kreuzungen je Parzelle erledigt aber die Züchtungsabteilung. Wir sind dafür zuständig, dass der Versuch unter einheitlichen und guten Bedingungen angelegt wird.
Die Anzahl der Wiederholungen ist in den letzten fünf Jahren aber stark zurückgegangen, da man sowas durch Statistiken mittlerweile viel schneller auswerten kann. Dafür testen wir das Material an mehreren Standorten. Durch den deutschland- oder europaweiten Vergleich lässt sich damit ein aussagekräftiges Ergebnis erzielen. Exaktes Arbeiten ist bei euch also extrem wichtig?
Herbig: Definitiv! Bestes Beispiel ist das Vereinzeln der Rübenpflanzen. Wir wollen in jeder Parzelle exakt 90 Rüben haben. Deshalb säen wir unsere Versuche mit einer Ablageweite von ca. fünf Zentimetern und vereinzeln die Rüben von Hand auf Endabstand. Damit reduzieren wir den Effekt von Lückigkeit und Standraumverteilung auf den Ertrag – die geneotypische Leistung wird besser sichtbar. Das Schönste ist für uns am Jahresende nach der Ernte, wenn der CV-Wert der Versuche möglichst niedrig ist. Er zeigt das Verhältnis der Standardabweichung zum Mittelwert an (Variationskoeffizient). Bei der Heritabilität (gibt die Wahrscheinlichkeit an, dass das gleiche Ergebnis herauskommt, wenn der Versuch nochmal woanders angelegt wird) wünschen wir uns eine möglichst hohe Prozentzahl. Merkt ihr aktuell, dass es aufgrund von Wetterextremen oder neuen Krankheiten immer schwieriger wird, etwas zu planen?
Herbig: Es wird zwar immer schwieriger, aber wir nehmen die Herausforderung an. Wir nennen uns Smart Station und haben eine extra Digitalisierungsabteilung gegründet, die unseren Drohneneinsatz sowie die Nutzung von Apps und High-Tech weiterentwickelt. Dass an jedem Feld Wetterstationen stehen, ist schon lange Standard. Deren Ergebnisse fließen auch in die Versuchsauswertungen mit ein.
Bei den Krankheiten hat man die Erfahrung auf Basis der Daten und Inokulationen gemacht. Wenn es in einem Jahr zu kalt war und etwas nicht funktioniert hat, kann man das fürs nächste oder in fünf Jahren anwenden. Viele werfen uns Versuchsfälschung vor, weil wir beregnen und dadurch natürlich gute Ergebnisse haben. Aber das müssen wir machen, um die Vergleichbarkeit zu erhalten. Wenn uns die Hälfte der Rüben durch Trockenstress wegbricht, dann ist der ganze Versuch nicht auswertbar.
Wir möchten unsere Genotypen auch auf Standorten ohne Zikaden testen. Daher muss man an Standorte gehen, an denen die Zikade noch nicht auftritt. In Niederbayern wollen wir beispielsweise auf Cercospora prüfen. Dort gibt es zum Glück die Zikade noch nicht, darum testen wir dort.
Eine große Herausforderung für uns ist, dass SBR so variabel auftritt. Der Ochsenfurter Gau war 2023 SBR-Hotspot-Gebiet. Dort und in Seligenstadt hatten wir unsere fränkischen Versuche angelegt. In Seligenstadt hatten wir nur einen leichten Befall. Im Ochsenfurter Gau war er dagegen massiv. 2025 hatte es im Ochsenfurter Gau gut geregnet und die SBR-Symptome waren weniger. Das ist für den Züchter aber schlecht, da er dann nicht sieht, wie sein Material unter der Krankheit reagiert. Dafür hatten wir in Seligenstadt Top-Ergebnisse. Wenn es hier mal hagelt und ein Versuchsfeld zerstört wird, sind wir froh, wenn wir woanders dasselbe nochmal stehen haben. Dabei geht es nicht um den Marktwert, den der Hagel zerstört hat, sondern dass der züchterische Fortschritt fehlt.
Lischka: Man möchte an einer Versuchsstation alle möglichen Fragestellungen, Krankheiten oder sonstige Umweltprobleme in sämtlichen Kulturarten breit abdecken. Es bringt ja nichts, wenn ich einen Versuch auf Cercosporaresistenz an einem Standort ohne Cercospora durchführe.
Jede Parzelle benötigt 90 Rübenpflanzen. Um eine Einheitlichkeit zu garantieren, werden die Rüben händisch vereinzelt.
Wie kann die moderne Technik dabei unterstützen?
Herbig: Bei der Ernte gab es früher viele Arbeitsschritte: Roden, köpfen, in den Sack, zubinden, ins Labor fahren, wieder ausleeren, waschen, wiegen und so weiter. Jetzt gibt es eine Maschine, den PUMA, die zwei Parzellen auf einmal rodet, wäscht, wiegt, analysiert und am Ende die Parameter digital erfasst. Dahinter steckt dann aber auch wieder eine anspruchsvolle Logistik, die so getaktet ist, dass wir Anfang September anfangen und pünktlich in der ersten/zweiten Novemberwoche fertig sind. Da dürfen aber nicht viele Regentage oder viele Reparaturen im Weg stehen, sonst wird man nervös, weil der Züchter ja auch seine Ergebnisse haben will. Auf der Basis dieser Ergebnisse legt er über den Winter Kreuzungen in Chile an, damit wir diese im Frühjahr säen und testen können.
Für Bonituren setzen wir, wo es möglich ist, auch Drohnen sehr intensiv ein.
Lischka: Schwierig ist für uns die Pflanzenschutzmittelzulassung. Wenn der Standort möglichst frei von Pilzkrankheiten sein muss, es aber nur noch zwei potente Mittel gibt, dann wird es für uns schwierig. Denn ist der Krankheitsdruck so stark und man kann die Rüben mit den zugelassenen Mitteln nicht mehr befallsfrei halten, bedeutet das nicht nur einen Ertragsverlust, sondern auch die züchterische Leistung ist in diesem Jahr nicht repräsentativ und auswertbar. Es funktioniert in der Landwirtschaft leider nicht, dass wir ein Versuchsjahr, das nicht gut war, einfach mal wiederholen können. Was würde euch die Versuche erleichtern?
Herbig: Am Beispiel Drohne gibt es schon sehr gute Programme, die uns eine noch größere Hilfe sein könnten. Bei Feldaufgangszählungen säen wir zum Beispiel Rüben aus und schauen auf die Wirkung verschiedener Biostimulanzien, Hüllenmassen, neuer Fungizide, Insektizide etc. Das wäre mit der Drohne einfacher auszuwerten.
Lischka: Was Pflanzenschutzmittel angeht, wünschen wir uns, dass der Baukasten nicht noch weiter reduziert wird. Natürlich braucht es Auflagen, aber man sollte sich nicht auf nur zwei Wirkstoffe begrenzen müssen und in fünf Jahren hat man dann eine Resistenz.
Herbig: Auch die roten Gebiete, in denen Stickstoffdüngung bisher vorgeschrieben war, machen es uns nicht einfach. Wenn ich die Pflanze so herunterfahre, kann ich sie nicht unter realen Bedingungen testen. Da mussten wir schon manchen Versuch verlegen. Gibt es auch Krankheiten, die komplett bekämpft sind?
Herbig: Ich kenne von früher Rizomania. Als ich 1990 das erste Mal nach Niederbayern gekommen bin, war das Versuchsfeld wie ein Schachbrett: hellgelb, dunkelgelb und nur wenige Parzellen grün. Wegen Rizomania werden keine Felder mehr gelb – diesen Wettlauf haben wir gewonnen.
Bei Rhizoctonia hatten wir für die Inokulation in den ersten Jahren beim Landwirt am Rübenhaufen die faulen Rüben herausgelesen, klein gemacht und wieder verteilt. Durch die toleranten Sorten findet man keine befallenen Rüben mehr und wir müssen unser Inokulat künstlich herstellen. Ähnlich ist es bei Cercospora mit den CR+-Sorten.
Für uns gilt es, diese Toleranzen zu halten. Nur weil die Krankheit gerade nicht so bedeutend ist, gibt es sie dennoch. Dafür sind unsere Bonituren wichtig, um zu sehen, was wieder durchkommt, was gekreuzt werden könnte und ob die Supersorte noch genauso gut performt.

