Ein kommunales Erfolgsmodell
Die Senioreneinrichtungen des Landkreises Würzburg
Ein kommunales Erfolgsmodell
Die Senioreneinrichtungen des Landkreises Würzburg
Ein kommunales Unternehmen in der Altenhilfe, das trotz allgemein knapper Kassen investiert und seine Standorte stärken und erweitern kann? Diese Kombination scheint kaum möglich. Die Senioreneinrichtungen des Landkreises Würzburg schaffen es dennoch.
| Voraussetzung war die Gründung des Kommunalunternehmens
Der Schlüssel liegt wesentlich in der privatrechtlichen Organisation. Voraussetzung für die Schaffung dieser Organisationsform war die Gründung des Kommunalunternehmens des Landkreises Würzburg. Im Zuge der Neuorganisation der Landkreisverwaltung im Jahr 1998 wurden diejenigen kostenrechnenden Bereiche ausgegliedert und in rechtsfähige Gesellschaften überführt, die in Zukunft verstärkt dem Qualitäts-, Kosten- und Leistungswettbewerb ausgesetzt sind. Dies waren damals im Gesundheitsbereich das Kreiskrankenhaus in Ochsenfurt, die beiden Alters- und Pflegeheime in Würzburg und Aub sowie das bereits als GmbH bestehende Nahverkehrsunternehmen des Landkreises. Als Dachorganisation wurde das Kommunalunternehmen des Landkreises Würzburg (KU) – eine rechtsfähige Anstalt öffentlichen Rechts – gewählt. Mit Vorstand Prof. Dr. Alexander Schraml und inzwischen über 1.000 Beschäftigten ist das KU einer der größten Arbeitgeber im Landkreis Würzburg.
Vor nunmehr 20 Jahren war die Situation der Pflege noch eine andere. Es fand kein Wettbewerb um Pflegeplätze, sondern um Wartelisten statt. Der Druck, in Innovationen investieren zu müssen, war äußerst gering. So war die vorrangige Aufgabe der beiden Alters- und Pflegeheime mit ihren insgesamt 234 Pflegeplätzen die Grundversorgung. Die Jahresergebnisse wiesen jedoch Millionendefizite aus.
Der Pflegemarkt, sofern es ihn gab, hatte sich in der Stadt Würzburg eingependelt. Im Landkreis Würzburg gab es nur wenige Pflegeheime, u.a. das Ochsenfurter „Haus Franziskus“, betrieben von der städtischen Pfründespitalstiftung.
Doch schon zu dieser Zeit gab es erste Anzeichen für einen entstehenden Pflegemarkt. Bedingt durch die sich immer bedeutender auswirkende demografische Entwicklung erkannten private Investoren und Betreiber, dass sich mit der Pflege in Zukunft (angeblich) Geld verdienen lässt. Sie investierten verstärkt in neue Standorte, mit dem Hintergrund einen zusätzlichen Bedarf abzudecken, aber auch einen Verdrängungswettbewerb zu schaffen.

| Der Landkreis reagierte auf den aufkommenden Wettbewerb
Die Verantwortlichen der Altenhilfe im Landkreis Würzburg erkannten dies und beschlossen, ihre Einrichtungen wettbewerbsfähig zu machen und entsprechend am Markt zu platzieren.
Neben der Schaffung dieser wettbewerbsnotwendigen Grundvoraussetzungen verfolgten die Senioreneinrichtungen des Landkreises in der Folgezeit zwei wesentliche Strategiestränge. Zum einen ging es um die Erweiterung der Wertschöpfungskette. Am zentralen Pflegestandort in Würzburg, in der Nachbarschaft der Seniorenwohnanlage am Hubland, wurde unter dem Namen „Miravilla“ ein Service-Wohnen (Betreutes Wohnen) mit 49 Wohnungen und einer Physiotherapie-Praxis geschaffen.
Der zweite Teil des Konzeptes führte noch weiter. Er lautete: raus in die Fläche. Zum Seniorenheim Gollachtal in Aub kam im Jahr 2002 das Seniorenzentrum Rimpar dazu. Mit 15 vollstationären Plätzen, einer angeschlossenen Tagespflege, Sozialstation und Service-Wohnen ist das 10 km nördlich von Würzburg gelegene Haus eine eher kleine Einrichtung.
| Pflegeangebote dort schaffen, wo es sie noch nicht ausreichend gibt
Doch diese Orientierung ist gewollt, schließlich soll das Seniorenzentrum sich in die ländliche Struktur vor Ort einpassen. Seine Schaffung bekräftigt den Nebenaspekt des Konzeptes, nicht auf Verdrängung anderer Mitbewerber, wie z.B. der freien Wohlfahrtspflege zu setzen, sondern Pflegeangebote dort zu schaffen, wo es sie noch nicht in ausreichendem Maße gibt. Dazu muss der Pflegemarkt genau analysiert werden, ob ein potenzieller Standort in die Unternehmensstruktur und -philosophie passt.
Grundlage hierfür bildet das Seniorenpolitische Gesamtkonzept, das gemeinsam von Stadt und Landkreis Würzburg erstellt wurde und regelmäßig fortgeschrieben wird.
Ein anderes Ziel als beim Seniorenzentrum Rimpar verfolgen die Senioreneinrichtungen mit der „Main-Pflege Curvita“ in Ochsenfurt, im südlichen Landkreis Würzburg. Dort wird die Nähe der unmittelbar angrenzenden Main-Klinik, dem ehemaligen Kreiskrankenhaus, für eine effektive Überleitung von der Krankenhausversorgung zur häuslichen Pflege genutzt. Das 2006 eröffnete Pflegeheim mit direktem Übergang zur Main-Klinik bietet 38 Plätze für sowohl Dauer- als auch Kurzzeitpflegebedürftige. Es bildet zusammen mit dem Krankenhaus sowie Praxen, Dialyse und Physiotherapie ein in sich geschlossenes Gesundheitszentrum. Wegen der Generalsanierung der Main-Klinik wurde die „Main-Pflege Curvita“ für die allgemeine Pflege vorübergehend geschlossen, um Krankenhauspatienten zu versorgen.
Matthias Rüth

Seit 1. Januar 2000, als Matthias Rüth von der Privatwirtschaft zum Kommunalunternehmen wechselte, ist der 48-jährige Betriebswirt als Geschäftsführer maßgeblich an der Neuausrichtung der Senioreneinrichtungen des Landkreises Würzburg beteiligt. Außerdem ist er ehrenamtlich als Vertreter des Bayerischen Landkreistags in der Landespflegesatzkommission und der Schiedsstelle Bayern tätig.
| Seniorenzentren, wohnortnah im Landkreis
Als weiterer Baustein und gleichzeitig Beleg für die Strategie der Ausdehnung in den ländlichen Raum wurde das Seniorenzentrum im südlich von Würzburg gelegenen Eibelstadt gebaut. Dort entstanden neben 12 Service-Wohnungen, 60 vollstationäre Dauer- und Kurzzeitpflegeplätze.
Auch haben die Senioreneinrichtungen das bereits erwähnte Haus Franziskus in Ochsenfurt mit 126 Pflegeplätzen übernommen. Nachdem es für diese solitär geführte Einrichtung nicht mehr möglich war, allein am Markt zu bestehen, wurde es jetzt unter dem Dach der Senioreneinrichtungen wirtschaftlich und auf hohem Qualitätsniveau eingegliedert. Dazu wurde ein Neubau mit 84 Pflegeplätzen umgesetzt. 24 Service-Wohnungen und eine Tagespflege mit angegliederter Sozialstation in Kooperation mit der Freien Wohlfahrtspflege ergänzen die vielfältigen Leistungen.
Die Seniorenzentren in Kürnach und Estenfeld mit jeweils 50 Pflegeplätzen und 18 Service-Wohnungen feiern in diesem Jahr ihr 5-jähriges Bestehen. Auch hier gibt es, neben der engen Abstimmung mit den Gemeinden, eine Zusammenarbeit mit der Freien Wohlfahrt für die Tagespflege am gleichen Standort.
Die Senioreneinrichtungen stehen aber auch für Kontinuität und Verlässlichkeit. So wurde für das nicht mehr den gesetzlichen Anforderungen entsprechende Seniorenheim Gollachtal, das nach modernsten Ansprüchen entwickelte „Seniorenzentrum Aub“ im Jahr 2016 feierlich im südlichsten Teil des Landkreises eröffnet.
Das sich derzeitig in Planung befindliche Seniorenzentrum Bergtheim rundet dagegen das Angebot für ältere und pflegebedürftige Menschen im nordöstlichen Landkreis ab.
Bei der Schaffung neuer und der Integration schon vorhandener Standorte galt bisher das Prinzip des organischen Wachstums. Es gibt keine Erweiterung nur um der Erweiterung willen. Jedes neue Projekt muss ausgiebig diskutiert, entwickelt, beschlossen und kommuniziert werden. Dabei sind die Senioreneinrichtungen den politischen Aufsichtsgremien ihres Trägers, des Landkreises Würzburg mit Landrat Eberhard Nuß und den beteiligten Kommunen vor Ort verpflichtet.
Als internes Kontrollgremium fungiert, wie bei einer (gemeinnützigen) GmbH üblich, der Aufsichtsrat. Auf der übergeordneten Ebene bestimmen auch der Kreistag und der Verwaltungsrat des Kommunalunternehmens über die Geschicke der Senioreneinrichtungen. Sie müssen, auf Vorschlag der Geschäftsführung, letztendlich entscheiden, was für das Unternehmen zielführend ist, um sich am immer enger werdenden und größtenteils unterfinanzierten Gesundheits- und Pflegemarkt zu behaupten.
Der Wirtschaftlichkeit kommt, neben der hohen Qualität in der Pflege, dabei eine Schlüsselposition zu: Die Senioreneinrichtungen müssen ihre Investitionen aus dem laufenden Betrieb erwirtschaften und bestreiten. Die Zeiten, als es für den Neu- und Umbau von Pflegeeinrichtungen vom Freistaat Bayern und dem Landkreis bis zu 80 Prozent an öffentlichen Zuschüssen gab, sind seit Jahren vorbei.
Daher treiben die Senioreneinrichtungen des Landkreises ihre Projekte Schritt für Schritt voran. Im Jahr 2005 wurde als erstes Demenzzentrum in der Würzburger Seniorenwohnanlage am Hubland der „Lindenhof“ eingeweiht.
Die derzeitige Investition für den Umbau von rund 100 Pflegeplätzen in der Seniorenwohnanlage am Hubland beträgt mehrere Millionen Euro. Sie muss komplett über die Heimentgelte und aus Rücklagen refinanziert werden.
| Auf schlanke, effektive Struktur gesetzt
Bisher hat sich dieses Konzept bewährt, vor allem, weil die Senioreneinrichtungen auf eine schlanke, effektive Struktur setzen. Weiterhin ist es das Ziel, bei einer Fixkostendegression diese Kosten verursachungsgerecht auf die einzelnen Häuser zu verteilen.
Die Personal- und Finanzabteilung ist zentralisiert, die zwei Großküchen voll ausgelastet, der Einsatz des Pflegepersonals wird flexibel gestaltet, um Belegungsschwankungen auszugleichen. Dazu kommt der rege Know-how-Transfer zwischen den Einrichtungen.
Obwohl die Senioreneinrichtungen marktbedingt auf eine effektive Struktur setzen müssen, soll das Geschäftsmodell nicht auf Kosten der Mitarbeiter gehen.
Im Gegenteil: Die Senioreneinrichtungen setzen die besten Personalschlüssel in der Pflege um und vergüten alle rund 450 Mitarbeiter nach Tarifverträgen. Zahlreiche Ehrenamtliche engagieren sich zum Wohl der Bewohner. Eine Zusammenarbeit mit dem Betriebsrat auf Augenhöhe ist ebenfalls von hoher Bedeutung für den Unternehmenserfolg. Das Betriebliche Gesundheitsmanagement, zahlreiche Betriebsfeiern und viele Sozialleistungen steigern die Attraktivität eines modernen Arbeitgebers.
| Kommunale Pflegeplätze bleiben stark nachgefragt
Die Häuser des Landkreises Würzburg, mit rund 500 Pflegeplätzen und 150 Service-Wohnungen, setzen aber auch auf den hohen Vertrauensvorschuss, den sie bei den Pflegebedürftigen und ihren Angehörigen genießen. Die Nachfrage nach kommunalen Pflegeplätzen ist weiter ungebrochen. Ein wichtiges Pfund in Zeiten, in denen wegen des wirtschaftlichen Drucks die kommunalen Pflegeplätze deutschlandweit immer weniger werden.
Die Senioreneinrichtungen des Landkreises Würzburg werden auch in Zukunft den Mittelweg zwischen der Erfüllung kommunaler Aufgaben und kalkulierten Marktrisiken beschreiten. Alle Projekte sind weiterhin im Einzelfall zu prüfen und mit den politischen Entscheidungsträgern abzustimmen.
Es wird kein waghalsiges Vorpreschen, aber auch kein Verharren in verkrusteten Strukturen geben. Die begonnene Strategie, gezielt Pflege- und Wohnangebote im ländlichen Raum zu schaffen, wird weiter verfolgt, solange sie erfolgversprechend ist. Denn der Markt ist einem ständigen Wandel unterworfen. Auch und gerade in der Pflege.
Weitere Infos

Die Senioreneinrichtungen des Landkreises Würzburg gehören dem Kommunalunternehmen des Landkreises Würzburg (KU) an, einer Anstalt des öffentlichen Rechts, deren Gründung im Jahr 1998 erfolgte. Das KU mit Vorstand Prof. Dr. Alexander Schraml ist im Wesentlichen für die Bereiche Gesundheit und Pflege sowie Ver- und Entsorgung (ÖPNV, Abfall) zuständig. Darüber hinaus werden Dienstleistungen für den Landkreis Würzburg und dessen Gemeinden erbracht. Auf dem Gebiet des ÖPNV ist das KU in seiner Funktion als Verkehrsunternehmer auch Gesellschafter der Verkehrsunternehmens-Verbund Mainfranken GmbH (VVM).